Meine Geschichte


Mein Name ist Jörg, Jahrgang 1970. Ich gehöre zur Gruppe der männlichen Opfer von seelischer Gewalt und schwerem sexuellem Missbrauch.

Der Täter, mein damaliger Stiefvater missbrauchte mich im Alter von 7-9 Jahren viele Male. Bedingt durch die familiären Umstände in dieser Zeit und seinen Androhungen von Gewalt und Schmerzen war ich ihm gegenüber wehrlos und ertrug das, was er mir antat.

Seit mehr als 30 Jahren gehe ich nun bereits meinen persönlichen, stillen Weg der Aufarbeitung dessen was ich erlebt habe. Viel zu lange habe ich meine Erlebnisse aus Scham und aus Angst vor Ausgrenzung verschwiegen. Ich habe die Erinnerungen verdrängt, ich wollte alles vergessen. Ein fataler Fehler, wie ich heute weiß.

Anfang der 1990er Jahre nahm ich psychologische Hilfe in Anspruch und vertraute mich erstmals jemandem an. Daraus schöpfte ich die Kraft und den Mut zur Anzeige und startete den Versuch der juristischen Aufarbeitung. Dieser scheiterte jedoch kläglich an überschrittenen Verjährungsfristen. D.h. der Täter geht in meinem Fall straffrei aus.


Ein Trost bleibt mir, ich habe dafür gesorgt, dass die Straftaten meines damaligen Stiefvaters heute aktenkundig sind. 

Psychische Gewalt und sexueller Missbrauch verändern und prägen das Wesen eines Kindes und somit sein gesamtes weiteres Leben nachhaltig. Nichts ist danach mehr so wie es einmal war.

Kinder und Jugendliche die Opfer sadistisch/pädophiler Täter werden leiden für den Rest Ihres Lebens unter den schweren Folgen der körperlichen und seelischen Verletzungen. Ängste, Zwänge, Sucht, Depressionen und andere mögliche seelische Erkrankungen werden zu den ständigen Begleitern im Leben eines Missbrauchsopfers. So wie ich selbst schweigen viele Opfer aus Scham und aus Angst vor den Reaktionen des persönlichen Umfeldes sehr lange, manche sogar für immer. Sexueller Missbrauch grenzt aus und isoliert!

Jährlich werden überall auf der Welt, auch bei uns in Deutschland zahllose Kinder und Jugendliche Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Wir, die Opfer, sind Menschen ohne Lobby. Unsere Gesellschaft macht einen großen Bogen um das Thema „Sexueller Missbrauch“. Diese Form der Gewalt wirft unangenehme und vor allem unbequeme Fragen auf. Fragen, auf die man ad hoc keine Antwort weiß. Sexueller Missbrauch ist heute immer noch ein Tabuthema das man am besten totschweigt. Kurze Beachtung findet es immer dann, wenn neue unfassbare Verbrechen bekannt werden. Nach kurzer, reißerischer Berichterstattung und unzähligen mahnenden Forderungen nach schonungsloser Aufklärung folgt dann doch wieder die Stille. Das sei ja auch besser so! „Lassen wir erst einmal ein wenig Zeit vergehen, damit die Opfer die Gelegenheit haben das Erlebte vollständig aufzuarbeiten“.

Eine viel zitierte Standardaussage die nach meiner Auffassung vordergründig mit der Hoffnung geäußert wird, die Angelegenheit still und leise aussitzen zu können ohne sich mit diesem schwierigen Thema tatsächlich beschäftigen zu müssen. Dieses Spiel auf Zeit geht zu Lasten der Opfer. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass Außenstehende gar nicht wissen wie sie mit den Opfern oder den Angehörigen angemessen umgehen sollen. Die Wahrheit ist oft zu schmutzig, zu pervers und zu traurig, als dass man sich freiwillig mit ihr beschäftigen will. Standardfloskeln wie die zitierte, sind aber keine hilfreiche Lösung. Sie sind eher beschämend und entbehrlich und zeigen deutlich, wie wenig sich unsere Gesellschaft tatsächlich mit dem Thema "Missbrauch" auseinandersetzt.

Gewalt und sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen wird nach meiner Erfahrung immer noch als eine Art Kavaliersdelikt angesehen. Die viel zu kurzen Verjährungsfristen, der Mangel an Hilfsangeboten für Opfer und Angehörige sowie letztlich die fehlende öffentlich finanzierte Präventionsarbeit sprechen eine deutliche Sprache. Aber noch mal! Gewalt und sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen!

Solange die von sexuellem Missbrauch betroffenen Menschen das Gefühl haben mit ihren Problemen und Ängsten allein zu sein und solange das Thema von unserer Gesellschaft hinter vorgehaltener Hand diskutiert wird, werden weiterhin nur wenige Opfer den Schritt in die Öffentlichkeit wagen.

Nach meinen mehr als drei Jahrzehnten Erfahrung als Missbrauchsopfer hatte ich mich zu einem wahren Meister im Verdrängen und Verschweigen entwickelt. Doch ganz gleich wie sehr ich mich auch bemüht habe die Erinnerungen an diese Zeit zu ignorieren, die Last auf meiner Seele wurde stets größer.

Jetzt bin ich am Ende meines Schweigens angekommen. Ich habe heute endlich verstanden, dass ganz gleich was ich auch versuche, mein Kampf gegen die Geister meiner Vergangenheit nie enden wird. Die Ereignisse der Missbrauchsjahre werden mein Leben auch zukünftig prägen, in meinem Alltag gegenwärtig sein und eine Rolle darin spielen. Allerdings besitze ich jetzt genügend Kraft, das Erlebte als Teil meiner Geschichte und meiner Persönlichkeit zu betrachten und zu akzeptieren, dass ich den Missbrauch an mir nicht mehr ungeschehen machen kann.

„Jörg läuft gegen Missbrauch“ ist ein Spendenprojekt zu Gunsten der Opferhilfe. Ich laufe gegen das Schweigen und das Vergessen der Opfer von sexuellem Missbrauch. Ich will mit meinem Projekt unbequem sein und zukünftig immer wieder neu auf das Schicksal von uns Betroffenen aufmerksam machen. Es soll die Menschen daran erinnern, dass Vergessen und Verdrängen keine Alternativen zur Wahrheit sind. Es soll den Menschen Mut machen. Mut machen zum Hinschauen und Helfen. Gewalt und sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen findet in der Mitte unserer Gesellschaft statt und darf nicht länger totgeschwiegen und tabuisiert werden.

Der Entschluss, mich endlich gegen das zu wehren, was ich in meinem Leben am meisten fürchte, ist mir nicht leicht gefallen. Doch mit der Veröffentlichung meiner eigenen Geschichte nehme ich den Kampf gegen seelische Gewalt und sexuellen Missbrauch auf.

2013 habe ich mir zum ersten Mal meine Laufschuhe angezogen und bin an den Start gegangen um mit viel Mut, aber auch mit großem Respekt vor dem, was mich erwartet, für mein Anliegen zu kämpfen.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass ich mit meinem Projekt andere von sexuellem Missbrauch betroffene Menschen erreiche, sie aus meinem LebensLauf Mut schöpfen, sich mir anschließen und ihr Schweigen ebenfalls brechen. Je mehr Opfer ihr Schweigen brechen, ihre Opferrolle ablegen und damit der Wahrheit ein Gesicht verleihen, umso deutlicher wird die Gesellschaft uns wahrnehmen können.

Auch ich habe Angst vor der erschreckenden Wahrheit und muss mich dennoch täglich mit ihr arrangieren. Nur wir selbst verurteilen uns immer wieder zum Schweigen und übersehen dabei, dass wir unsere Seele, die wir unter dem Missbrauch tief in uns versteckt und irgendwann verloren haben, wiederfinden müssen. Meine Suche hat begonnen. Ich merke immer wieder, dass das Leben um mich herum trotz der quälenden Erinnerungen an meine Erlebnisse und den Folgen, die sich für mich bis heute daraus ergeben haben, wunderbar und lebenswert ist.

Das Projekt lebt davon, dass möglichst viele Menschen meine Idee und den Sinn dahinter verstehen, ihn teilen und mittragen. Zeigen Sie Flagge und erzählen Sie Ihren Freunden und Bekannten von dem Projekt. Vielleicht spenden Sie auch einen kleinen Betrag zur Unterstützung der Opfer. Jeden Euro, der mir anvertraut wird, leite ich an die Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch weiter, um sie damit auf ihrem Weg zu unterstützen.

Wir sehen uns im Ziel!

Jörg

April 2013