Dienstag, 6. Februar 2018

Traumpfad No.2: Höhlen- und Schluchtensteig Kell

4. Februar 2018: Reise bis fast zum Mittelpunkt der Erde und das Bad der Amazone

Lassen wir uns nicht alle ab und an von wohlklingenden Namen und Verpackungen bei unseren Entscheidungsfindungen leiten? Klingt gut, sieht gut aus aber dann...ihr kennt das. Bei der Auswahl meiner Laufstrecken mach ich das nicht anders. Gibt es einen Namen der noch vielversprechender klingt als "Traumpfade"? Das Ganze lässt sich mit der Erweiterung "Höhlen- und Schluchtensteig" sogar noch steigern.


Dieser war heute der zweite Traumpfad den wir gelaufen sind und ich sage es sehr gern: hier ist alles echt! Der Traumpfad verdient seinen Namen und Höhlen und Schluchten gibt es auch. Wir hatten eine Anfahrt von 70 Kilometern, was man sich bei einer Laufstrecke von gerade mal 13 Kilometern vorher sehr gut überlegt. Wie hat Oli so schön gesagt: "Es waren zwar nur 13 Kilometer aber die hatten es in sich." Wo er Recht hat, hat er Recht aber lest selbst.

Bereits beim Saynsteig ist uns die ausgezeichnete Beschilderung der Traumpfade aufgefallen. Beim heutigen Traumpfad passt alles. Angefangen von der Ausweisung des Wanderparkplatzes auf Google Maps dessen Koordinaten man sofort problemlos auf sein Smartphone senden kann und somit im Null-Komma-nix die perfekte Navigation für die Anfahrt erstellt hat. Der Wanderparkplatz selbst wird an den Straßenkreuzungen mit großen Hinweisschildern angekündigt und ist bereits, dank seiner wehenden Fahne von weitem aus gut zu sehen. Auch unterwegs muss man sich nicht allzu viele Gedanken machen - verlaufen ist so gut wie ausgeschlossen.







Wir starten unsere Tour entgegen dem Uhrzeigersinn. Laufen also zunächst ein paar Meter parallel zur Straße und biegen dann im 90° Winkel nach links auf einen Wirtschaftsweg ab der sehr schnell hinab ins Tal führt. Irgendwo hatte ich diesen Tipp gelesen und das soll sich als eine kluge Entscheidung herausstellen. Läuft man so herum, merkt man die 400 positiven Höhenmeter eigentlich kaum. Es geht immer sehr knackig steil bergab aber dafür langgezogen seicht bergauf, abgesehen von 2 bis 3 kurzen Passagen wo ich für meinen 6-Fuß-Antrieb dankbar bin.

Nach all dem Regen der vergangenen Wochen ist die trockene, wenn auch frostige Luft mit eiskalten Böen eine wahre Wohltat. Ich hege sogar die Hoffnung, dass mein plüschiger weißer Freund heute ohne "Perwoll" auskommen wird aber ..... naja Schwamm drüber, da ist wohl der Wunsch Vater des Gedanken. Freund Nanuk wird am Ende wieder den ultimativen Zebra-Look haben. Wobei die ganze Schlamm-Pampe im Fell heute schön gefroren ist. Zumindest bis zur Heimfahrt im kuschelig warmen Auto. Also doch Perwoll.

Die Strecke lässt sich auch von weniger Trailrunning Erfahrenen sehr gut laufen. Der Track führt zunächst über breite Wirtschafts- und Wiesenwege, wird dann nach und nach schmaler. Allesamt sind die Wege sehr gut angelegt und machen richtig Spaß. Bei den Serpentinen die den Abstieg von 245 auf 118 müNN vereinfachen muss man ein wenig aufpassen. Der Trail ist dort auf Grund der unzähligen Wurzeln und Steine technisch etwas anspruchsvoller zu laufen. Wer wie ich mit seinem Hund im Gespann läuft, tut gut daran Freund Fellnase hinter oder maximal neben sich zu führen.




Irgendwo unterwegs kommt uns ein ausrangierter Allradler in olivgrün entgegen. Hinten auf der Anhängerkupplung ein großer Korb mit der Beute der beiden Waidmänner die die olle Bundeswehrkarre entspannt durch den Wald bugsieren. Ein junges Wildschwein - Überläufer sagt man glaube ich dazu - war wohl zur falschen Zeit am falschen Ort. Obgleich ich persönlich seit ein paar Jahren aus diversen Gründen ausschließlich Wild esse, wenn ich denn überhaupt mal Fleisch esse, lässt mich der Anblick eines Tieres das sein Leben lassen muss damit ich essen darf, nie kalt. Was ich damit sagen will ist, dass man seinen eigenen Fleischkonsum aus vielerlei Gründen durchaus hinterfragen darf. Das Fleisch das auf unseren Tellern landet ist nicht irgendein anonymer biologischer Zellhaufen sondern war ein lebendiges Wesen, das es verdient hat mit Achtung auch als solches behandelt zu werden. Ich höre viele Menschen oft darüber klagen, dass unsere Gesellschaft immer stärker verroht und sich jeder nur noch selbst der Nächste ist. Fusst eine mögliche Antwort auf die Frage warum das so ist vielleicht auf der Tatsache, dass eben jene Gesellschaft die bedauert wird, den Respekt vor der lebenden Kreatur längst verloren hat? Stattdessen zieht sie es vor, Tiere als Industrieprodukte zu betrachten. Eben nach dem Motto: Hauptsache viel Fleisch und das so oft wie möglich und das selbstverständlich zu Billigstpreisen.

Wie dem auch sei, das Foto von der Stelle mit der Blutlache wo der Überläufer zu Fall kam erspare ich euch. Das von seinen Haaren allerdings nicht.  


Nachdenklich laufe ich weiter und bin froh, kurz darauf eine neue Entdeckung zu machen. Eine kleine Krippe aus Naturmaterialien am Wegesrand. Obwohl mir Anfang Februar so gar nicht mehr weihnachtlich zumute ist, kann ich mir die Figuren nebst Esel und Konsorten sehr gut hineindenken und vorstellen wie hübsch die Krippe ausgesehen haben mag. Und weiter geht es zum "Schweppenburgblick". Was es dort wohl zu sehen gibt? Was wohl...Schloss Schweppenburg aus dem Jahre 1300 un ebbes.




Der nächste Hochpunkt der Tour gibt den Ausblick auf die Brohltalbahn und das dahinter liegende Brohltal und Burgbrohl frei. Von hier kann man auch endlich etwas von den Höhlen sehen wegen derer wir uns hier bei -3°C abmühen. Da wir bis hier her bereits mehr als die Hälfte der Strecke gelaufen sind ohne auch nur eine Maulwurfshöhle gesehen zu haben, wurde langsam aber sicher der Verdacht laut, dass wir wohl möglich auf dem ganz falschen Traumpfad unterwegs sind. Ich habe mich bei Oli bereits erkundigt ob er seinen "Schweizer-Taschenspaten" im Säckel hat, denn ein Höhlen- und Schluchtensteig ohne Höhle, das geht gar nicht.



Da ist er aber dann doch ganz schön erleichtert, der Oli als ich ihm die frohe Botschaft - "...kannst den Spaten stecken lassen, ich seh´ die Höhlen" - verkünde. Nanuk ist allerdings sichtlich enttäuscht. Wie alle Samojeden liebt er es zu buddeln und beginnt damit auch sobald wir irgendwo auch nur einen Moment verweilen. Er gräbt dann - sichtlich Testosteron gesteuert - Löcher bei denen mir Angst und Bange wird und Jules Verne als potentiell ehemaligen Samojeden-Halter verdächtig machen. Im Pfotenumdrehen hat Nanuk ein Loch so tiieeefff gebuddelt - ok es reicht nicht bis zum Mittelpunkt der Erde aber schon dafür, dass Nanuk komplett darin verschwinden kann.

Der folgende Abstieg macht richtig Spaß. Über die angekündigten Serpentinen geht es talwärts. In solchem Gelände zeigt sich immer wieder, dass Nanuk und ich ein echt super eingespieltes Team sind. Trotz seiner ureigenen Sturheit weiß er wohl instinktiv, wann es an der Zeit ist, von "stur" auf "Team" zu schalten. Souverän meistern wir auch diese Herausforderung und stehen mir-nichts-dir-nichts vor der ersten Höhle.



"Woooowww Oli!" Das hatten wir auch noch nie, ein Track der durch eine Höhle führt. Die Trass-Höhlen, die im Zuge des Laacher–See-Vulkanismus in den vulkanischen Aschenablagerungen entstanden sind, begeistern. Sehr schade finde ich jedoch, dass es zahlreiche Menschen oder vielmehr Banausen gibt - und damit meine ich nicht unsere Vorfahren aus der Steinzeit - die es nicht lassen können, ihre tiefgründigen und für die Nachwelt bedeutsamen Namen, Initialen und ich-war-hier-Bekenntnisse in das weiche Gestein zu kratzen. Wenn schon der Respekt vor der lebenden Kreatur fehlt, so denke ich bei mir, woher soll dann bitteschön der Respekt vor der unbelebten Natur kommen.









Gleich nach den imposanten Felshöhlen passieren wir die Überreste der Klosterruine Tönisstein. Es ist leider in der Tat nicht mehr viel übrig von dem 1465 gegründeten Karmeliter Kloster und um ein Haar wären wir achtlos daran vorbei gelaufen. Das sieht man mal wieder, dass sich ein bißchen mehr Mühe geben beim Erstellen der Beschilderung tatsächlich auszahlt.


Das finale Highlight der Tour finden wir in der Wolfsschlucht. Nicht nur der Mensch kann weichen Fels bearbeiten. Das schafft die Natur sogar nur mit Wasser und Geduld aber im Gegensatz zu dem dümmlichen Gekritzel der Banausen sieht der, über viele tausend Jahre in die vulkanischen Aschenablagerungen geschliffene Wasserlauf des Tönissteiner Baches ausgesprochen grandios aus. Sofort ist klar, im Sommer kommen wir noch mal her. Ich wette die Schlucht wird sich uns dann bei entsprechender Umgebungstemperatur und üppigem Bewuchs Urwald ähnlich präsentieren. Apropos Urwald. Als wir vor dem mindestens 6 Meter hohen Wasserfall stehen habe ich sofort das Bild einer wunderschönen junge Amazone im Kopf, die sonnengebräunt unter dem Wasserfall steht und das erfrischende Nass sichtlich genießt. Ich berichte Oli von meinem Tagtraum und frage ob er nicht ein Foto von mir machen will, wenn ich mich jetzt unter den Wasserfall stelle? In seiner Mimik lese ich Zweifel. Hmmm bestimmt wegen der aktuellen Umgebungstemperatur. Aber als ehemaliger Taucher der auch im Winter im Bodensee "nass" tauchen war, bin ich kaltes Wasser gewohnt. Es ist quasi mein Element. Oli unterbricht meinen famosen Gedankengang jäh mit den brutalen Worten: "Oh Gott nein...glaubst du deine Leser wollen das wirklich sehen?" Autsch, das war deutlich.




Die Absage an meinen athletischen Körper verdauend, schlendern wir drei die letzten Kilometer zurück in Richtung Wanderparkplatz. Etwas fröstelnd und mit knurrendem Magen schlagen wir nach 2 Stunden 31 wieder am Auto auf. Nanuk - oder sollte ich lieber das gefrorene Zebra sagen - bekommt sein obligatorisches Leckerchen und legt sich dann im Heck meines Buschtaxis nieder. Mit Oli teile ich brüderlich meine kostbare Trailverpflegung, eine einzige Banane (wie leichtsinnig). Es ist ein Akt der Freundschaft für seine Ehrlichkeit am Wasserfall.

So Leute stürzt euch ins Abenteuer. Mein Tipp für die Männer: Wenn´s mit dem Foto am Wasserfall was werden soll, nehmt besser gleich eure Liebste mit. Hier noch der Track damit ihr auch dorthin findet: