Montag, 5. Januar 2015

Aktion Gegen die Angst - Update #3

Tanja - Ich bin eine Überlebende

"Hallo, mein Name ist Tanja. Ich bin 38 Jahre alt, lebe in Hessen und ich möchte mich und meinen Alltag vorstellen.

Mir gefällt der Gedanke nicht, dass ich meinen Körper nicht objektiv einschätzen kann und manche Dinge vielleicht nicht wichtig genug nehme. Noch viel weniger gefällt mir, dass die PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) mittlerweile so in mein Leben und mein Denken integriert ist, dass ich manche Dinge einfach hinnehme und im Stillen leide.



Manche Menschen verlassen ihre Kindheit so zerstört, dass ein Handeln oder Nachdenken erst mal gar nicht möglich ist. Nachdem ich mein zu Hause verlassen hatte, musste ich Ruhe finden, Kraft schöpfen und eine Art Bestandsaufnahme machen.

Meine ersten Gedanken gingen damals in die Richtung, dass ich jetzt frei sei und einfach nur mein Leben genießen kann. Doch, nach einer Weile wurde mir klar, dass dies überhaupt nicht möglich ist. Ich war und bin bis heute in einem kritischen Zustand der mir ein Leben in Freude unmöglich macht.

Ich bin eine Überlebende! Mein Leben mit PTBS ist weniger ein Leben als vielmehr ein tagtäglicher Überlebenskampf. Ich habe beschlossen mir zurückzuholen, was mir von Geburt aus zu steht: Mein Leben!

Ich bin an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) erkrankt, was einige Besonderheiten in meinem Alltag mitbringt. Früher, als ich noch nicht wusste, dass ich chronisch »krank« bin, hatte ich viele, viele Träume und wartete darauf, dass sie sich erfüllen mögen. Nachdem ich schließlich realisierte, dass meine Handicap nicht mehr verschwindet, gab ich einige der Träume auf, zu oft hatte ich gehört: »Das kannst Du nicht. Finde Dich damit ab, dass Du ein Versager und nicht gut genug bist.« Ich habe dadurch nie das Urvertrauen - an mich zu glauben - lernen können.

Doch irgendwann kam ein Tag, an dem ich beschloss: Und ob ich das kann. Mit viel Vorbereitung, Zähne zusammenbeißen und einem kleinen Lachen im Herzen schaffe ich das, was theoretisch nicht möglich sein soll: Ich werde mir mein Leben zurückholen und meine Träume leben.

Ich habe geheiratet und zwei Kinder bekommen. Doch diese 13 Jahre Ehe haben meine PTBS noch weiter verschlimmert und mich heute zu einem noch ängstlicheren Menschen werden lassen.

So geht es mir heute:

• Ich kann in 90% der Fälle nicht richtig Essen, geht es mir schlecht dann verschließt sich mein ganzer Körper. Ich empfinde keinen Hunger und Durst mehr.

• Wenn zu viele Reize auf mich einwirken, bricht ein Sturm in meinem Körper aus. Tagsüber gefolgt von Flashbacks und in der Nacht von Albträumen.

• Obwohl ich die meisten Fahrten mit dem Auto nicht allein bewältigen kann, ist Autofahren mit anderen Menschen meist keine gute Idee. Das löst meist Panik in mir aus.

• Allein Autofahren kann ich meistens nur dann, wenn es mir extrem schlecht geht. Ich fahre dann raus in die Natur. Dorthin wo keine Menschen sind. Ich muss mich selbst von den Menschen entfernen die mich gern haben und lieben. Ja, selbst vor denen habe ich in diesem Moment Angst. Meine PTBS signalisiert mir, dass auch sie mir in den schwachen Momenten Leid zufügen könnten.

• Eigentlich ist alles, wo ich die Kontrolle abgeben muss eher schwierig zu meistern, wenn nicht gar fast unmöglich. Also auch Bus- und Bahnfahrten oder Arztbesuche.

• Ich werde schnell unsicher, versuche dann möglichst nicht aufzufallen und verlasse so schnell wie es geht die Situation. Wenn ich mein sicheres Umfeld verlasse, neige ich generell zu Panikreaktionen, Schreckmomenten, Schwindel und Übelkeit.

• Mein Körper signalisiert mir sehr deutlich, wenn er eine Gefahr wittert, meistens wittert er sie überall, ob Tag oder Nacht.

• Ich lerne nicht gerne neue Menschen kennen. Ich habe Angst davor, dass mein Körper mal wieder »triggert« und ich mich dafür schäme. Ich will mich nicht erklären müssen. Was soll ich denn dazu auch groß sagen?

• An guten Tagen versuche ich den Moment zu genießen. Ich lache von Herzen gerne.

• Ich habe einige sehr wichtige Menschen in meinem Leben, denen ich tatsächlich fast uneingeschränkt vertraue.

• Ganz gleich, wie sehr mein Körper triggert und Panik hervorruft, mein Kopf ist meist klar und verzweifelt daran, das Wissen, das ich mir angeeignet habe, nicht anwenden zu können. Sobald der »Sturm« in meinem Körper ausgebrochen ist, habe ich keine Möglichkeit mehr ihn zu stoppen.

• Ich habe eine gehörige Portion »Misstrauen« gegen bestimmte Berufsgruppen, die mir zeitlebens einreden wollen, dass ich nochmals eine Therapie machen soll. Es waren doch schon so viele.

• Ich glaube fest an das Gesetz von Ursache und Wirkung und an das Schicksal. Ich liebe das Leben und die bunte Mischung, die ihm gegeben ist

• Ich finde es furchtbar, dass Menschen sich anmaßen, anderen ihre Daseinsberechtigung abzusprechen oder sie auf ein Abstellgleis zu befördern, nur weil sie in der Leistungsgesellschaft nicht mithalten können. Ich habe dies oft erlebt.

• Ich habe es satt mich zu verstecken und zu isolieren, weil ich mich so schäme und anderen Menschen mit meinen Besonderheiten nicht zur Last fallen will.

• An manchen Tagen geht es mir so schlecht, dass es kaum zu ertragen ist und ich so verzweifelt bin und mir nur noch wünsche, dass es endlich aufhört.

• Mir fällt es schwer, die kleinen Schrittchen, die mir gelingen zu würdigen. Ich orientiere mich immer wieder an anderen Menschen, die mir täglich vorleben, wie ich eigentlich zu funktionieren hätte. Ich muss lernen, dass ich nicht so bin wie die Anderen. Daran arbeite ich.

• Ich kann auch über mich selbst lachen und habe einen ausgeprägt schwarzen Humor, der auch meine eigenen Besonderheiten mit einschließt, »Humor ist, wenn man trotzdem lacht«.

• Ich habe großen Respekt vor dem Leben, meinen Mitmenschen und dem, was sie ausmacht.

• An und für sich bin ich ein geselliger Mensch, der nicht gern allein vor sich hin lebt und für den Freundschaften und die Familie sehr wichtig sind.

Ich möchte mein Leben wieder selbst bestimmen.


Die Symptome meiner PTBS sind vielfältig:


Angstzustände, Flashbacks, Panikattacken, somatische Probleme (körperliche Beschwerden), Angst vor Menschen und Menschenansammlungen, Hypervigilanz (extreme Wachsamkeit), Einsamkeitsgefühle, Schamgefühle, autodestruktives (selbstverletzendes) Verhalten, Isolation, Unfähigkeit anderen Menschen zu vertrauen, Alpträume, Angst im Dunkel, Einschlaf- und Durchschlafprobleme, Hilflosigkeit, Konzentrationsprobleme.


Ich möchte mein Leben wieder selbst bestimmen.

Diese Liste ist nur ein kleiner Auszug an »Stolpersteine«. Sie soll zeigen, wie sich die PTBS bei mir auswirkt. Meine posttraumatische Belastungsstörung ist ein unsichtbares Leid. Sie wurde durch die chronischen und tiefen Verletzungen an meiner Seele in meiner Kindheit und Ehe hervorgerufen. Niemand kann diese Verletzungen rein äußerlich sehen. Man kann sie auch nicht rückgängig machen oder heilen, nur lindern.

Seit meinem 14. Lebensjahr habe ich unzählige Therapien gemacht. Von 2009 bis heute werde ich bei der Lawine e.V. in Hanau therapeutisch betreut. Leider hilft mir dies auch nur ansatzweise. Auf den Rat meiner Therapeutin hin kam mein Entschluss, mich um einen PTBS-Assistenzhund zu bemühen. Mit ihm habe ich die Chance, die Sicherheit und das Vertrauen, das mir fehlt, wieder in mein Leben zurückzuholen."
 



Zu zeichnen ist mein Weg, mein Inneres zu beschreiben.



Kati Zimmermann vom Verein Servicehunde Deutschland e.V. hat Tanja beraten und wird sie und ihren zukünftigen Assistenzhund auch weiterhin betreuen. Im Rahmen der Beratung wurden folgende Aufgaben definiert, die Tanjas PTBS-Hund während seiner Ausbildung lernen wird:

  • Licht an- und ausschalten,
  • in dunkle Räume vorausgehen,
  • Räume nach Menschen absuchen und ggf. anzeigen,
  • Telefon/Handy bringen,
  • aus Alpträumen zurückholen,
  • Anzeigen von Menschen, die sich von hinten annähern,
  • Distanz schaffen + nach vorne und hinten absichern,
  • nach Hause oder zum Auto bringen,
  • Flashbacks und Panikattacken unterbrechen, trösten und beruhigen,
  • aus einer unangenehmen Situation oder einem Gespräch herausziehen,
  • den Ausgang aus Gebäuden finden und mich dorthin führen,
  • aus einer Menschenmenge heraus zum Rand führen,
  • auf Kommando bellen z.B. Abschreckung und dann an einen sicheren Ort bringen,
  • Türen öffnen und schließen,
  • an meine Medikamente erinnern,
  • Wasser zum Trinken bringen, da ich oft in eine Starre verfalle und anschließend mit Flucht reagiere.
 
Die Kosten für die Anschaffung des Hundes und seine komplexe Ausbildung betragen 16.000 € (Stand: 1.3.2015: Der Betrag ist mitlerweile vollständig realisiert).

Bleiben Sie auf dem Laufenden. So wie Tanja hat auch Bea einem persönlichen Brief geschrieben. Er richtet sich an alle Menschen, die mehr über die extrem schwierigen Zusammenhänge des komplexen Krankheitsbildes “PTBS” erfahren und die Aktion unterstützen möchten. Der Beitrag wird hier ab 12.1.2015 zur Verfügung stehen.

Die bisherigen Beiträge zur Aktion:

Hier laufe ich mit Nanuk:
  • Januar 2015: Westerwaldsteig - Marathontrail
  • 24.-25. Januar 2015: 34. Internationales Schlittenhunderennen in Liebenscheid im Westerwald - Cani Cross Sprintrennen
  • 26.-29. März 2015: 2. Pfälzer Berglandtrail - Mehrtages-Ultratrail über 120 km
  • Juli 2015: Laufevent von “Jörg läuft gegen Missbrauch”....mehr wird noch nicht verraten.
  • 3. Oktober 2015: 5. Westerwaldsteig-Halbmarathon am Wiesensee
  • Oktober 2015: 29. Löwenlauf in Hachenburg - Marathontrail

Seit dem 1.12.2014 habe ich folgende Strecke zurückgelegt: 81,30 Kilometer


 

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