Mittwoch, 23. Juli 2014

Westerwald-Steig-Etappenlauf: Bericht Etappe 6

19. Juni 2014: Von Rennerod nach Herborn - das Finale

Es ist so weit, wir laufen heute die finale Etappe meines Westerwald-Steig-Etappenlaufs gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Vor uns liegen insgesamt 38 km und rund 800 zu überwindende Höhenmeter. Mit 12 Läufern, zwei Mountainbikern, zwei Versorgungsfahrzeugen und einem Hund steht die stärkste Gruppe des gesamten Laufs am Startpunkt in Rennerod. Unser Ziel ist das hessische Städtchen Herborn im Lahn-Dill-Kreis. 



Ich freue mich besonders, Rolf Zehnpfennig aus Köln im Westerwald willkommen heißen zu dürfen. Rolf ist Marathon-Spendenläufer und Gründer des Stiftungsfonds “In Childrens Eyes”.


Seit seinem ersten Spendenlauf, dem New York Marathon im Jahr 2008 trifft man ihn regelmäßig bei den großen Marathonveranstaltungen in Chicago, Köln, Boston, Berlin und London an. Mit den erlaufenen Spenden hat Rolf zahlreiche Präventionsangebote gegen sexuellen Kindesmissbrauch gefördert sowie konkrete Hilfe für betroffene Kinder und für als Kind missbrauchte Erwachsene realisiert. Vielen Dank Rolf!

Gemeinsam gegen Missbrauch
Jörg, Rolf 

Johannes Heibel und andere Mitglieder der “Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V.” zählen mittlerweile zu meinen treuen Begleitern. Sie dürfen bei der heutigen Etappe nicht fehlen. Johannes ist einer der wenigen couragierten Menschen in Deutschland, die die Missstände im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes in Deutschland seit vielen Jahren öffentlich anprangern. Mit seinem aktuellen Buch “Der Pfarrer und die Detektive” legt Johannes den Finger in eine höchst sensible Wunde. Der Tatsachenbericht ist das Ergebnis seiner 20-jährigen Recherchearbeit und zeigt auf, wie sowohl staatliche als auch kirchliche Einrichtungen mit dem Thema sexueller Kindesmissbrauch verfahren.

.....und Johannes 

Unsere Versorgungsfahrzeuge werden von Jens sowie meiner lieben Carmen, die aber auch das eine oder andere Teilstücke mitläuft, gefahren. Die Fahrradbegleitung durch Matthias und Daniela konnten wir ebenfalls um 100 % steigern, von eins auf zwei! Allerdings scheint mir Daniela die fittere von beiden zu sein. An ihrem Fahrrad hängt ein Anhänger, in dem Bella, ein Boston-Terrier stilvoll chauffiert wird.

v.l.n.r.: Silvia, meine Carmen und Martina

Madame Bella


 

 

Trail Running inklusive Survival

v.l.n.r.: Carmen, Silvia, Martina und Rolf

Darf ich vorstellen: Stephan

An diesem Wochenende haben wir das zweifelhafte Vergnügen die sog. Schafskälte zu erleben. Mit knapp 8 °C ist es recht frisch, auf jeden Fall zu kalt um nur im kurzen Shirt zu laufen. Mit 15-minütiger Verspätung brechen wir in Rennerod in dünne Windjacken gehüllt auf in Richtung Rehe bzw. Krombachtalsperre. Meinen treuen Freund Nanuk habe ich trotz der kühlen morgendlichen Temperaturen zu Hause gelassen. Als sich nach ein paar gelaufenen Kilometern die Sonne durchsetzt, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war.

Jürgen: Danke für die tollen Fotos  

Jörg & Rolf
Matthias & Daniela mit Bella

Stephan & Sandra


v.l.n.r.: Stephan, Carmen, Martina, Karen & Sandra

Eine hoch motivierte Truppe


Das Feriengebiet rund um die Krombachtalsperre mit den dazugehörigen Campingplätzen in Rehe sowie Mademühlen ist landschaftlich wunderschön gelegen. Auf Grund des hohen Windaufkommens ist der See bei Surfern und Seglern äußerst beliebt. Wir erreichen den ca. 95 ha großen Stausee nach vier gemütlich gelaufenen Kilometern. 

Trotz der enormen Trainingsunterschiede innerhalb der Gruppe schaffen wir es, ein gemeinsames Wohlfühltempo zu finden. Der Tag steht unter dem Motto des kommunikativen Laufens. Eine schöne Sache, denn die meisten sehen sich heute zum ersten Mal. So gilt es, die anderen kennen zu lernen. Nach kurzer Zeit sind alle in Gespräche vertieft und es herrscht von Anfang an eine tolle Stimmung. Jeder ist hoch motiviert, das Ziel in Herborn aus eigener Kraft zu erreichen.  

Wir laufen östlich an der Krombachtalsperre vorbei, durchqueren den Ort Rehe in Richtung Homberg. Dabei kreuzen wir die B255. Leider gibt es keine Gelegenheit schöne Fotos vom Stausee zu schießen. Also: Ihr müsst selbst hinfahren und euch den See anschauen. Es lohnt sich, versprochen!

Da einige Straßenläufer unter uns sind, habe ich in weiser Voraussicht während des Briefings darauf hingewiesen, dass wir heute zwar tendenziell immer bergab laufen  A-B-E-R durchaus noch den einen oder anderen Höhenmeter bewältigen müssen. Nach dem wir auf den ersten zehn Kilometern nur bergauf laufen mussten entwickelt sich mein Hinweis “...tendenziell bergab...” zum “Running Gag”. Bei jeder Steigung höre ich die eigenen Worte wie ein Echo mehr oder weniger vorwurfsvoll. Gerade so als wenn ich die kleinen Hügelchen extra für heute dort platziert hätte (grins). An dieser Stelle meinen Respekt an alle Läuferinnen und Läufer. Trailrunning durch unwegsames Gelände und “...tendenziell bergab…” ist extrem kraftzehrend. Ihr habt euch durchgebissen. Kompliment!

Karen & Jürgen

Windkraft darf im Westerwald nicht fehlen

Um den, mit 657 m.ü.NN höchsten Punkt des Westerwalds, die Fuchskaute, zur erreichen müssen wir die Bundesstraße B414 nördlich von Homberg überqueren. Jetzt ist es geschafft. Wenn man oben ist, kann es….na? Richtig, ...nur noch den Berg hinunter gehen! Wir nutzen dieses herrliche Ausflugsziel für einen Moment der Erholung und ein nettes Gruppenfoto. Fertig, der Trail ruft, es geht weiter. Vorbei an einer Schafherde durchlaufen wir eine heideähnliche Landschaft.


Höher geht´s nicht mehr - auf der Fuchskaute


Irgendwie war ich zu langsam, so dass die Gruppe mich abhängen konnte. Sie haben mich einfach allein zurückgelassen. Ich sehe sie in ca. 300 m Entfernung vor mir im Wald verschwinden. Nur Matthias ist an meiner Seite geblieben. Moment mal, wieso laufen die denn alle geradeaus? Das winzige, leicht zu übersehende Westerwald-Steig Wegweiser-Schildchen am Wegesrand zeigt doch eindeutig nach rechts in östliche Richtung. Herdentrieb! Einer läuft voran, alle anderen hinterher. Gut, dass Matthias dabei ist, er eilt mit dem Fahrrad zur Gruppe und kann damit Schlimmeres verhindern.



Sie laufen, und laufen....

...und laufen....

...und laufen zurück

...auch der Johannes...

...das kleine, blöde Schild...

...wo bleibt ihr denn?

Ich nutze die zusätzliche Pause zum Bestaunen eines Tschechoslowakischen Wolfhundes. Ein Pärchen wandert mit seinen Hunden ebenfalls über den Steig. Einer der beiden fällt sofort auf. Es ist einer dieser wunderschönen, beeindruckenden, wolfsähnlichen Hunde. Leider reicht die Zeit nur für einen kurzen Austausch, die anderen kommen zügig zurückgelaufen. Ich verkneife mir mühsam jeden schadenfrohen Witz, muss aber dennoch schmunzeln.

Rolf & Stephan

Rolf, Karen & Johannes





Die nächsten 5 Kilometer laufen wir in einiger Entfernung parallel zur B414 in Richtung des knapp 10 ha großen Heisterberger Weihers bzw. des Ortes Heisterberg. Das nette Örtchen kann ebenfalls mit einem Campingplatz in reizvoller Umgebung aufwarten. Bevor wir dort ankommen, steht die erste offizielle Versorgungspause auf dem Zeitplan. Nach 12 Kilometern warten Jens und Carmen mit den notwendigen Kalorien, Getränken und frischem Kaffee auf uns.

Karen & Stephan

Nein Kinder wir gehen nicht baden, heute wird gelaufen!

Der Heisterberger Weiher

Die erste Pause nach 12,5 km

Den Heisterberger Weiher umlaufen wir auf der Nordseite, den nahegelegenen Ort Gusternhain auf der Ostseite. Bevor wir nach weiteren 9 Kilometern den zweiten Versorgungspunkt in Breitscheid erreichen, passieren wir das Flugplatzgelände auf dessen nordwestlicher Seite. 


Sandra & Jörg




v.l.n.r.: Karen, Stephan & Sandra

Blick über Breitscheid

In Breitscheid treffen wir Hans-Peter und Andreas. Die beiden haben mich bereits auf mehreren Teilstücken während der ersten drei Etappen begleitet. Sie sind so zu sagen, Westerwald-Steig-Profiveteranen.

Versorgungspunkt No. 2,
wir treffen Hans-Peter & Andreas

Kleine Friedhofskapelle in Breitscheid

Hans-Peter & Johannes

Andreas ist noch "frisch"



Bei Kilometer 23 kommen wir in ein sowohl geologisch wie kulturhistorisch interessantes Gebiet. Die Gegend um Erdbach ist bekannt für das, in Hessen einzigartige Höhlensystem. Die Erdbachhöhle ist aus einem Korallenriff entstanden und mit knapp 100 m die tiefste Höhle Hessens. Hier findet sich zu dem das Herbstlabyrinth, ein Tropfsteinhöhlensystem, welches nicht nur das größte Höhlensystem Hessens ist, sondern auch eines der bedeutendsten Deutschlands.

Erdbach bei Herborn

Das Innere des Steinbruchs




Unweit der Erdbachhöhle bzw. des Herbstlabyrinthes findet man die große und kleine Steinkammer. Dabei handelt es sich um prähistorische Wohnhöhlen, die vor etwa 300 Mio. Jahren entstanden. Sie dienten Menschen während der Hallstattzeit (1.000 - 1.500 v.Chr.) als Wohnhöhlen. In ihnen fand man neben menschlichen Gebeinen, zahlreiche Schmuckstücke aus dieser Zeit. Im Bereich vor den Steinkammern lagerten sogar Knochenreste von Tieren sowie Reste von Gebrauchsgegenständen aus der Jungsteinzeit (ca. 12.000.- 2.000 v.Chr.).    




Der Eingang ist leider verschlossen.

Nördlich von Erdbach schlägt der Westerwald-Steig einen Haken um 90° in westliche Richtung. Bis zum dritten Versorgungspunkt müssen wir noch gut 3,5 Kilometer zurücklegen. Die Strecke ist angenehm zu laufen, sie erinnert mich an die Landschaft im Upland bei Willingen im Landkreis Waldeck-Frankenberg in Nordhessen. Während wir über die Singletrails “gleiten”, können wir den fantastischen Fernblick mit die sanften Hügel des Lahn-Dill-Kreises genießen.




Eine traumhafte Landschaft


So kann man endlos laufen...


Nach 31 Kilometern kommen wir bestens gelaunt am letzten Versorgungspunkt der Etappe in Uckersdorf an. Erneut plündern wir die Kühltaschen und tanken Kraft für das finale Teilstück bis Herborn. Wenn ich gewusst hätte, was für ein Teilstück da vor uns liegt, hätte ich mir noch eine Pizza mit doppelt Käse bestellt. Ab Uckersdorf Ortsmitte führt der Westerwald-Steig nur bergauf, und zwar richtig. Komisch, im digitalen Höhenprofil sehen die kleinen Zacken auf der Strecke gar nicht so wild aus.

Karen, die mich schon oft unterstützt hat!

Carmen & Jörg

Stärkung für den Endspurt.

Bella kann sogar laufen!

Kann nicht so schlimm sein, noch lachen alle.

Nach dem wir den Vogelpark Uckersdorf passiert haben bin ich guter Dinge, dass wir mit dem Gröbsten durch sind. Weit gefehlt, es ging erneut “tendenziell bergab” bis auf das Niveau des Ambaches auf 230 m.ü.NN. Und alles nur, damit wir auf der anderen Seite der Autobahnbrücke wieder hochlaufen können. Bei Kilometer 34 unterqueren wir die Autobahn A45.




Brücke A45

Unter der Brücke sieht man erst, wie hoch so ein Teil wirklich ist. Wir sind nur noch ein Berg weit von unserem Ziel, dem Marktplatz in Herborn entfernt. Leider lässt er sich nicht auf die Schnelle umlaufen. Wie sagt der alte Mathematiker? “Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade!” Das heißt, wir müssen uns abermals quälen und knapp 60 Höhenmeter überwinden. Hört sich eigentlich nach nichts an, ist aber in etwa der Höhenunterschied, den man bei einem Straßenmarathon auf einer Distanz von 42 Kilometern zu meistern hat.    


...meine Carmen...

Andreas - Westerwald-Steig-Profi 

Wir haben den Berg bezwungen! Oben angekommen laufen wir erhobenen Hauptes mit einem breiten Grinsen im Gesicht die verbleibenden 4 Kilometer bis zum Ziel ein weiteres Mal bergab. Das Versorgungsteam erwartet uns am Brunnen auf dem historischen Marktplatz.


Nach 37 km ist´s Berg runter auch sch...zu laufen

Die letzten Meter...

Jaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhh!!!!!!!!!

Mit meiner Carmen laufe ich gemeinsam Hand in Hand ins Ziel. Ich bin verdammt stolz auf sie. Nicht nur, weil ich weiß, wie schwer es ihr gefallen ist, das letzte Teilstück mitzulaufen. Es zeigt mir einmal mehr, wie sehr sie mich in den zurückliegenden Jahren unterstützt hat. 


Ohne Worte




Geschafft! Wir gingen bis an die Grenzen von Mensch..

....und Material!

Andreas

So sehen Sieger aus!

Alles rein isotonische Getränke - Prost






Endlich auch mal im Bild, Jens ganz links

v.l.n.r.: Carmen, Silvia, Stephan & Sandra


Andreas & Karen

Auf Wiedersehen Herborn!

Wir sind nach 37,7 Kilometern und je ca. 2.000 verbrauchten Kalorien gemeinsam im Ziel angekommen. Die Netto-Laufzeit für die heutige Distanz beträgt 4:19:21. D.h. ein ordentlicher Pace von 6:54 min/km bei 700 bewältigten Höhenmetern.

Das Abenteuer Westerwald-Steig Etappenlauf ist zu Ende. 6 ereignisreiche Lauftage, 235 Kilometer, 6.200 Höhenmeter, viel Schweiß, eine langwierige Knieverletzung, unzählige Kratzer und Schrammen liegen hinter mir. Aber das Ergebnis rechtfertigt sämtliche Anstrengungen und Hürden.

Am 05. April 2013 zog ich mir zum ersten Mal die Laufschuhe an um für alle Menschen sichtbar gegen sexuellen Missbrauch und die seelische und körperliche Gewalt, die Kindern angetan wird, zu kämpfen. Dazu war es notwendig, dass ich mich selbst als ein von Kindesmissbrauch betroffener Erwachsener geoutet habe. Diese Transparenz herzustellen und soviel von meiner Persönlichkeit Preis zu geben, hat sehr große Überwindung gekostet, er war jedoch aus meiner Sicht unvermeidbar.

Neben meinen Lieben beteiligten sich viele weitere Menschen an der ersten Aktion unter dem Motto »Jörg läuft gegen Missbrauch« Das hat mir zusätzlichen Mut gemacht. Mein besonderer Dank gilt auch allen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen der Kreisverwaltung Altenkirchen sowie den Mitgliedern der »Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V.«. Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Läuferinnen und Läufer, die an meiner Seite gelaufen sind. Darüber hinaus danke ich allen Menschen, die durch ihre finanzielle Unterstützung zu dem aktuellen Spendenergebnis von 6.000 € beigetragen haben.


Wird es ein weiteres Projekt geben? Auf jeden Fall. Neben den offiziellen Laufveranstaltungen, an denen ich zusammen mit Nanuk ohnehin teilnehme, plane ich zurzeit ein neues Projekt gegen Missbrauch. Was es genau sein wird, kann ich noch nicht verraten. Es bleibt spannend. Ich freue mich aber bereits jetzt schon darauf, wieder gemeinsam mit euch viele Kilometer »tendenziell bergab« zu laufen.



Der Track zum herunterladen und nachlaufen. Viel Spaß!




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