Mittwoch, 4. Juni 2014

Westerwald-Steig-Etappenlauf: Bericht Etappe 5

29. Mai 2014: Von Freilingen nach Rennerod - zum Gedenken an Jasmin und Yvonne

Nach einer längeren Pause ist es endlich wieder so weit. Wir laufen heute erneut 40 Kilometer über den Westerwald-Steig. Seit dem Eröffnungslauf in Rheinbrohl ist mehr als ein Jahr vergangen. Diese vorletzte Etappe wird uns von Freilingen nach Rennerod führen. Uns heißt, ich habe diesmal, anders als bei der 4. Etappe wieder Freunde an meiner Seite, die mich begleiten.




Neben mir gehen Johannes, Jürgen, Andrea und Matthias an den Start. Matthias wird uns mit dem Mountainbike folgen, eine Premiere. Wir dürfen gespannt sein, ob wir das Tempo aufeinander abstimmen können. Nanuk, meinen treuen Freund habe ich auf Grund des vorhergesagten warmen Wetters schweren Herzens zu Hause gelassen.

Wir treffen pünktlich am vereinbarten Startpunkt ein. Dank der Tatsache, dass Johannes und Jürgen »nur« die Hälfte der Strecke, also immerhin noch 20 Kilometer mitlaufen, begleitet uns heute wieder ein Versorgungsfahrzeug. Jens, der Fahrer wird uns nach je 10 gelaufenen Kilometern in Empfang nehmen, um uns mit allem Nötigen zu versorgen.

Bevor es auf die Strecke geht erfolgt das obligatorische Briefing. Ich nehme den ersten Geburtstag von »Jörg läuft gegen Missbrauch« zum Anlass um von den Erfahrungen die ich mit der Veröffentlichung meiner Geschichte gemacht habe und dessen, was mich besonders bewegt hat, zu berichten.

Ich versäume nicht darauf hinzuweisen, wie wesentlich und schwierig zu gleich es für Betroffenen ist das Erlebte auszusprechen. Solange der erfahrene Missbrauch nicht ausgesprochen ist, ist man als Opfer in einem Teufelskreis gefangen und wägt ab! Auf der einen Seite lähmt die Angst vor dem Täter und die Angst vor dem was passiert, wenn man das Schweigen bricht. Was geschieht mit der Familie? Im später Leben rückt die Sorge um den Lebenspartner und die eigenen Kinder in den Vordergrund. Auf der anderen Seite beherrscht einen auch die Angst davor, dass dem Täter weitere Kinder zum Opfer fallen, weil man selbst geschwiegen hat. Wie geht man mit dieser Verantwortung, im Besonderen als Kind um? Für solche Probleme gibt es keine Patentlösungen.

Mit Anfang zwanzig konnte ich mich erstmals jemanden anvertrauen und durch meinen Anwalt Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft in Koblenz stellen lassen. Im Anschluss daran dauerte es erneut zwanzig Jahre, bis ich den Mut zum alles entscheidenden Schritt fasste. Ich habe mich meiner Angst gestellt und ihr damit den Schrecken genommen.

Dieses Beispiel macht deutlich, dass das »sich öffnen« für die Betroffenen ein langer, schwieriger und von vielen Ängsten begleiteter Prozess ist. Es versucht außerdem zu erklären, warum dies aus den unterschiedlichsten Gründen nicht jedem Betroffenen gelingt. Umso entscheidender ist die Hilfe von außen. Menschen die Anzeichen von sexuellem Missbrauch oder von Gewalt gegen Kinder wahrnehmen müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein und helfen. Wer hinschaut und schweigt, öffnet Tätern Tür und Tor.

Heute, nach meinem »Coming-out«, versuche ich anderen Betroffenen auf ihrem schwierigen Weg in die Öffentlichkeit zu unterstützen. Darüber hinaus will ich Nicht-Betroffene wachrütteln und sensibilisieren. Niemand darf glauben, Kinder würden nur woanders, weit weg, dort wo man ohnehin selbst nichts tun kann, sexuell misshandelt und missbraucht. Das ist schlichtweg falsch. Kindern und Jugendlichen wird auch in unserer unmittelbaren Umgebung schweres Leid zugefügt.

Johannes Worte machen betroffen.

Diesen Gedanken greift Johannes, der Gründer und erster Vorsitzender der »Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V.« aus Siershahn auf. »Wir laufen heute durch Westerburg! Ich möchte an die damals 16-jährigen Mädchen Jasmin und Yvonne erinnern. Beide wurden 1994 in Elz (Kreis Limburg-Weilburg) von dem sadistischen Kinderschänder-Ehepaar Monika und Lutz K. verschleppt und in deren Wohnung in Westerburg (Westerwaldkreis) gequält, misshandelt, missbraucht und schließich ermordet. Im Oktober dieses Jahres will unser Verein der Opfer gedenken. Anlässlich des 20. Todestages der Jugendlichen soll die Ausstellung »Vorsicht Mensch« in Westerburg gezeigt werden.

Wir widmen den heutigen Lauf den beiden Opfern Jasmin und Yvonne!


Quelle: Rhein-Zeitung / Westerwälder Zeitung
Nr. 33, Mittwoch, 9. Februar 2011


Bevor wir loslaufen brauchen wir alle einen Augenblick um das Gehörte zu verarbeiten. Ein letztes Mal werden die Schuhe gebunden und die Ausrüstung gecheckt. Wir nehmen uns das erste Teilstück vor. Die Wetterbedingungen sind leider anders als vorhergesagt. Es ist mit 10 °C zwar kühl, aber angenehm zu laufen. Nervig sind die Nässe und der mit schweren Wolken verhangene Himmel. Ich erwarte jeden Moment, dass Petrus die Pforten öffnet und uns ordentlich duscht.

Oh, oh, hoffentlich hält das Wetter.

Kaum 200 Meter gelaufen machen unsere Laufschuhe die typischen Geräusche. Die zum Teil hüfthohen Wiesen sind klatschnass, das Wasser steht uns in den Schuhen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie meine Füße nach den 40 Kilometern in nassen Schuhen aussehen. Da lob ich mir doch das Barefoot-Running.

Andrea, Jürgen und Johannes (v.l.n.r.)

...und Matthias

Sommerallee

Wir kommen nördlich an Wölferlingen vorbei und folgen dem Saynbachs bis zum Naturschutzgebiet »Wölferlinger Weiher«. Die Strecken führt auf den ersten 5 Kilometern bis kurz vor das Örtchen Himburg stetig bergauf. Auf den kommenden 5 Kilometern laufen wir dafür überwiegend entspannt bergab.

NSG "Wölferlinger Weiher"

Weite Naturwiesen


Zwischen den Ortschaften Rothenbach und Obersayn überqueren wir die B 255. Jens erwartet uns beim Versorgungstreffpunkt am nördlichen Ortsrand von Brandscheid. Noch benötigen wir keine echte Stärkung, die erste Pause dient mehr dem gemütlichen Beisammensein.

Gedenkstätte bei Rothenbach

Im Gänsemarsch über die "Wiesenautobahn"

Erster Halt: Johannes, Andrea, Jürgen, Jens
und Matthias (v.l.n.r.) 

Wir haben einen kurzen Smalltalk mit ein paar netten Wanderern, dann setzen wir unseren Lauf in Richtung Westerburg fort. Nach 14,5 Kilometern müssen wir die Umgehungsstraße L 288 nordwestlich von Westerburg überqueren. Auf der anderen Seite der Straße führt der Westerwald-Steig am ehemaligen Kasernengelände vorbei und knickt dann nach Osten in Richtung Hergenroth ab.


"Wäller-Profil"



Es ist nicht die Provence und es ist auch kein Lavendel.
Sind es Lupinen? Egal sie sehen schön aus.

Jürgen und Johannes geben ganz schön Gas!

Der Jörg....noch lacht er.....



Wildschöne Romantik

Das wunderschöne Schloss Westerburg ist für Touristen leider nicht zugänglich, kann jedoch als Tagungsstätte gebucht werden. Das erstmals im Jahr 1192 beurkundete Bauwerk basiert auf einer früheren Burganlage aus dem 12. Jahrhundert.

Schloss Westerburg

Am Schafbach schlägt der Steig erneut einen Haken, diesmal 90° in südliche Richtung. Wir laufen zum zweiten Mal auf Westerburg zu. Mit dem Erreichen des nächsten Versorgungspunktes an der L 300 Ortsausgang Westerburg in Richtung Winnen nähern wir uns dem Ausstieg von Jürgen und Johannes. Diese Pause haben wir uns verdient. Die beiden legen auf den ersten 20 Kilometern ein ganz nettes Tempo vor. Andrea und ich sind uns einig, ab hier geht´s »gaaaaaannnnnzzz« langsam und gemütlich weiter. Mal schauen, was der Laufrucksack so an kalorienreichen Sportlerhappen zu bieten hat. Ein Kohlenhydrat Gel, ein Traubenzuckertäfelchen sowie je ein Stück Oatsnack und »gepresster Affe« dazu noch einen Salt-Stick. Nach der Power-Mahlzeit kann man lässig den Turbo zu schalten.

Pause Nr. 2 in Westerburg

Kinder das Essen ist fertig!

Das Höhenprofil der heutigen Laufstrecken darf man auf den Kilometern 12-26 gerne als typisches »Wäller« Profil bezeichnen. Ein ständiger Wechsel zwischen kurzen Steigungen und Downhill-Passagen. Nach unserem Päuschen laufen und fahren wir als Trio weiter. Wir sind jetzt in einem Gebiet angekommen, das hier als »Katzenstein« bekannt ist.

Für Kletterer ist die etwa 12 Meter hohe Felswand aus Basalt von besonderem Interesse.

Eine alte Waldquelle

Falsch...das ist kein Schrott! Das ist ein Stillleben!

Blick auf Berzhahn (rechts) und Wilsenroth (links)

Mein erster Dschungel-Marathon

Trailrunning,...

...auch bergauf...

...einfach nur genial schön!

Bei Kilometer 24,5 erreichen wir Winnen. Von dort aus geht es die nächsten 1,5 Kilometer bergab nach Gemünden bis zum tiefsten Punkt der Etappe auf 319 m ü NN bei Kilometer 26,1.

In Gemünden finden wir den Einstieg in die Holzbachschlucht. Dieser herrlich wilde, naturbelassene Teil des Westerwalds zählt zu meinen Lieblingsplätzen und ist mir wie der Katzenstein von vielen Läufen her bekannt. U.a. führt mich der jährliche Westerwald-Steig Halbmarathon am Wiesensee immer hierher.


Der Holzbach

Andrea und Matthias

Wild und schön...


Für Matthias, unseren Mountainbiker stellt die Holzbachschlucht eine spezielle Herausforderung dar. Als Trailrunner kommt man so ziemlich überall durch. Schöne enge, verschlungene Pfade mit zahlreichen Schikanen heizen einem beim Laufen richtig an. Bedenklich glitschig wird der felsige Untergrund bei Nässe, so wie heute. Man muss unglaublich aufpassen und das Laufen wird zur Challenge. Nach ein paar weiteren schnellen Kurven und einer langen Treppe spuckt uns die Holzbachschlucht verletzungsfrei wieder aus. An einem kleinen, historischen Friedhof verschnaufen wir einen Augenblick. Mit jedem Kilometer rückt der dritte Versorgungspunkt am Secker Weiher in greifbare Nähe. Den dazugehörigen Ort Seck umlaufen wir auf der Westseite.

Indoor-Training auf einem Stepper -
da kenn´ ich Besseres.

Hier streikt selbst Matthias




So! Petrus macht ernst. Ab Kilometer 30 setzt nerviger Nieselregen ein. Nicht dass mich der Regen an sich stört. Als Brillenträger hat man dadurch aber einen echten Nachteil. Ich versuche, ohne Brille zu laufen. Das funktioniert in dem unebenen Gelände leider gar nicht und ich sehe mich schon über die nächste Wurzel stolpern. Also, Brille her und wischen.

Bei Kilometer 34 erreichen wir das Naturdenkmal »Seitenstein«. Diese Basaltaufschichtung hat eine Höhe von etwa 25 Metern und einen Umfang von gut 200 Metern. Der Seitenstein übertrifft die beiden Wolfsteine bei Bad Marienberg an Größe und Ausmaß.

Der "Seitenstein" bei Rennerod

Von hier an bis zum Etappenziel in Rennerod sind noch knapp 5 Kilometer zu laufen. Dem entlang der B 54 Rennerod gelegenen Städtchen nähern wir uns von Westen her. Kurz vor der Alsberg Kaserne gelangen wir durch eine Unterführung auf die andere Seite der stark befahrenen B 54.

Blick auf Rennerod

Gedenkstätte im Regen...

...wenigsten hat sie ein Dach
über dem Kopf.

Der "Hexenbaum" in Rennerod 


Andrea und ich laufen nach 38,4 Kilometern und je 2.948 verbrauchten Kalorien gemeinsam ins Ziel, wo wir von Carmen und meinen beiden Jungs bereits erwartet werden. Die Netto-Laufzeit für die heutige Distanz beträgt 4:27:41. D.h. ein guter Pace von 6:58 min/km bei 805 bewältigten Höhenmetern. Da kann Mann & Frau nicht meckern  Froh und erleichtert über das erreichte Etappenziel gönnen wir uns in guter alter Tradition ein schönes kaltes Hachenburger Weizenbier, alkoholfrei wie immer.

Glücklich im Ziel - Andrea und Jörg

Wir nehmen ein isotonisches Getränk zu uns!



Der Track zum herunterladen und nachlaufen. Viel Spaß!